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und Verarbeitung von Metall sowie Verfügungspotential und wirtschaftliche Potenz im Handel. So zeigen die Gewichte durch ihre geringe Grösse, dass sie nicht im Giesserei- oder Schmiedeprozess Verwendung fanden, sondern dass hier Luxusgüter, also Gold, Bernstein, Kosmetika, Farbstoffe oder Gewürze eingehandelt wurden.[22] Der Mehrwert, der zum Tauschgeschäft not wendig war, dürfte dabei zu einem guten Teil aus der Kontrolle über Gewinnung, Verarbeitung und Distribution von Metall hergerührt haben. Da sich die Verteilung dieser Gräber mit der der Brucherzhorte und der der grossen Höhensiedlungen auf das offene Voralpenland konzentriert, kann in Beantwortung der ersten Frage also angenommen werden, dass hier auch die Verarbeitungsstätten lagen.

Das aus alpinen Lagerstätten gewonnene Kupfer wurde also in Rohform ins Voralpenland gebracht, wo es in den Gräbern der obersten sozialen Schicht symbolischen Niederschlag fand.[23] Der Weg von den Lager- zu den Verarbeitungsstätten musste damit zwangsläufig an den oben beschriebenen burgähnlichen Plätzen des Alpenrandes vorbeiführen, wo sich aber, mit Ausnahme der Rachelburg bei Flintsbach bisher zwar einzelne Gusskuchen oder Gusskuchenbrocken, nie jedoch grössere Horte fanden.

Wie oben dargelegt, müssen die Bewohner der Lagerstättenreviere, der Alpenrandburgen und der Verarbeitungsgebiete in einer nicht näher definierbaren Beziehung gestanden haben. Am stärksten profitierte dabei zweifellos die neue Aristokratie des Alpenvorlandes, da nur hier in grösserem Umfang aus Fernbeziehungen resultierendes Luxusgut nachzuweisen ist.[24] Die Gräber der Produktionsgebiete im Salzburger Land und in Nordtirol zeigen demgegenüber zwar den durchaus beträchtlichen, jedoch eher traditionellen Wohlstand der alten Schwertträgerschicht an, der vergleichbar auch in den Gräbern der Riegseegruppe sichtbar wird. Welcher Art die Beziehung der kleineren Burgen des Alpenrandes zu Lagerstätten und Verarbeitungsgebieten war, bleibt unklar. Nur in geringem Umfange sind aus ihrem Umkreis Gräber bekannt, vornehmlich im Salzburger Becken.[25] Ob sie als Aussenposten zu den Organisationen der Bergleute und Giesser gehören, ob sie als Dependancen, quasi Ministerialensitze der voralpinen Hocharistokratie anzusehen sind oder ob sie als Punkte von Produktion, Distribution und Verarbeitung eigenständige Teile eines Gesamtsystems sind, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht beantwortet werden. Die archäologische Fragestellung könnte allerdings inzwischen so zielgenau ansetzen, dass intensive Forschungen mit internationaler und interdisziplinärer, vor allen

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HISTOIRE DES ALPES - STORIA DELLE ALPI - GESCHICHTE DER ALPEN 1998/3