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der Fels, an dem die Elenden der göttlichen Tugend fluchen?“

Und inzwischen sah sie unter dem Meißel Properzias bald hier, bald dort einen Muskel schwellen oder ein paar Lippen das Licht erreichen und aufseufzen aus dem harten, glatten Stein heraus. Der Sturm der verrenkten, brünstigen und hoffnungslosen Leiber wirbelte immer schneller, schauerlich und ohne Atem. Semiramis strotzte, Dido klagte berauschend, Kleopatra, von Lüsten entfleischt, drückte ihre Fingerspitzen auf die harten Knospen ihrer Brüste. Helena wehte dahin, weiß, kalt, unschuldig. Achill, nur der Liebe unterlegen, bäumte sich, und ihm nach sausten Paris und Tristan und mehrere noch und immer mehrere — und endlich auch sie, die zuviel von Lancelot gelesen hatten, und die beide weinten.

Properzia verweilte bei diesen Beiden, und ihr Hammer zitterte. Er legte die süßen Fleischessünder einander in die Arme. Die Herzogin umfaßte von hinten ihren Kopf.

„Haben Sie wenigstens mit diesen Mitleid? … Properzia, hören Sie auf! Sie ängstigen mich.“

„Lassen Sie mich, ich muß fertig werden!“

„Ich versichere Ihnen, daß Sie gar nichts fertig bekommen werden bei dieser rasenden Arbeitsweise. Sie sind ja feucht und kalt. Auch Ihre Hände sind kalt und schwingen doch schon stundenlang den Hammer. Für wen peinigen Sie sich so? Wer drängt Sie?“

Properzias Lippen trennten sich nicht. Ihr Blick war ganz in den Stein vergraben; er holte alle Qualen

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