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aus Hamburg saß sie fast jeden Abend in einer Loge im Stadtheater, und Unrat, an ihrer Seite, empfing mit einer hinterhältigen Genugtuung alle die neidisch-entrüsteten und übelwollend-begehrlichen Blicke, die herüberkamen. Nun ward auch das Sommertheater eröffnet, und man konnte sich, mitten unter die wohlhabende und ehrbare Gesellschaft, in den Garten setzen, Butterbrot mit Lachs essen und sich freuen, daß es einem nicht gegönnt ward.

Die Künstlerin Fröhlich trug kein Bedenken mehr, Unrat den feindseligen Einflüssen auszusetzen. Die Gefahr war überstanden, er hatte ihretwegen seine Entlassung auf sich genommen samt der allgemeinen Ächtung.

Es war ihr anfangs ein wenig unheimlich dabei zumute gewesen. Wie grade sie dazu käme, meinte sie im stillen, daß einer sich ihretwegen so viel auf den Hals lüde. Zunächst zuckte sie die Achseln: „Die Männer sind nu mal so.“

Allmählich sah sie ein, daß er recht gehabt hatte, und daß sie dies und noch mehr wert sei. Unrat wiederholte ihr so standhaft, wie hoch sie stehe und wie wenig die Menschheit ihren Anblick verdiene, daß sie endlich anfing, sich selbst sehr ernst zu nehmen. Es hatte sie noch niemand so ernst genommen, und darum auch sie selbst sich nicht. Sie war dem dankbar, der es sie lehrte. Sie fühlte, daß sie sich bemühen müsse, ihrerseits den Mann recht hoch zu schätzen, der ihr eine solche Stellung anwies. Sie tat mehr: sie strengte sich an, ihn zu lieben

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