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eines Menschen. Sie war das überall gegenwärtige, ungeheuerliche Sinnbild der Liebessucht, die die Stadt geißelte. Sie wurde wieder zu der Morra, der Hexe, die Herzen herausfraß aus Brüsten, und zu deren Klippen der Vorüberfahrende hinaufstarrte, gebannt, in grauenvollen Begierden.

Eines Abends aber sammelte sich ein wütender Haufe vor ihrem Hausthor und wollte Feuer daranlegen. Die obscönen Lieder gellten bis in ihr Fest hinein, begleitet von den Stößen und Schreien der Einbrechenden. Am Ende bekam sie ein Billet, und es stellte sich heraus, daß es Jean Guignol war, der den Lärm veranstaltete, denn er hatte sich getötet. Er rief ihr noch aus dem Nichts seinen Dank zu für den wollüstigen Wahnsinn, in den sie mit der ganzen Stadt auch ihn gestürzt habe. „Welch Glück! Ich weiß, daß ich Sie wirklich liebe, ohne Litteratur — wenigstens in diesem Augenblick, da ich meinen Tod beschließe! Ganz ehrlich und unschuldig sterbe ich, einer der ratlosen Körper, die von Ihrem Blick getroffen, an Ihrem Wege verröcheln! Ich liebe Sie! Und ich thue es nicht eines schönen Verses wegen — da ich ja sterbe!“

Sie zerriß den Brief. Sie zitterte vor zorniger Verachtung. „Das ist sein Auskunftsmittel! Ich habe ihm nicht erlaubt, sich auf eine andere Weise mit mir zu verbinden: drum stirbt er für mich. Auf mich läßt er sein Blut spritzen. Wie ist das feige! Er hat sich besiegen lassen, und er will, daß auch ich an seiner Niederlage leide: der doppelte Feigling!“

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