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mit Zukunftsprojektionen verbunden».[11] Die erzählte Lebensgeschichte repräsentiert somit die Gesamtkonstruktion der jeweiligen Vergangenheit und der Zukunftserwartungen der Biographlnnen, in denen biographisch relevante Erfahrungen in zeitliche und thematische Zusammenhänge gebracht werden. Die Erzählung der eigenen Lebensgeschichte, die «Biographie», ermöglicht es dem/r Biographin, Erinnerungen und Erwartungen zu formieren und Orientierung im Sinne von Erwartungssicherheit und von retrospektiver Interpretation zu leisten. Somit ist das biographische Konstrukt beides, die soziale als auch die erfahrene Wirklichkeit des/r Biographin. Biographische Konstruktionen sind äusserst komplexe und einzigartige Leistungen der Subjekte. Diese können jedoch ihre Biographien nicht frei konstruieren, sondern sind in soziale Beziehungen und Strukturen eingebunden, mit A. Giddens gesagt, sie sind im sozialen Raum «positioniert».[12] Die Strukturen, R Bourdieu nennt sie «Laufbahnen im sozialen Raum»,[13] werden von handelnden Subjekten produziert und reproduziert. Die Akteurlnnen schöpfen Möglichkeitsräume aus oder verschenken sie, überschreiten Grenzen und richten neue Grenzen auf. «Lebenswelten» sind somit «biographisch konstituiert».[14] Anders gesagt, Individuen sind aktive Konstrukteurlnnen ihrer Wirklichkeit, sie sind jedoch im Prozess des Konstruierens keineswegs frei und können nicht beliebig an ihrer Biographie «basteln». Dennoch sind Individuen nicht zur blossen Reproduktion gesellschaftlicher Strukturen gezwungen, sondern können diese durch ihre Handlungen auch verändern. Die einzelnen Subjekte konstruieren durch ihr Handeln alltäglich ihre Wirklichkeit, sie erzeugen Wirklichkeit. Die im Interviewtext dargestellte Biographie stellt in diesem Rahmen - als fortlaufend reflexiver Prozess - die aktive Konstruktionsleistung der Akteurlnnen dar.

Das «gelebte Leben und das textlich dargestellte Leben, das erzählte Leben, sind verschieden, auch wenn sie irgendwie Zusammenhängen. Biographie ist ein Text über ein Leben, ist nicht einfach Phantasie, sondern hängt ab von einem gelebten Leben».[15] Beide Ebenen der Interpretation, das erlebte und das erzählte Leben, stehen immer in einem dialektischen Verhältnis, produzieren sich gegenseitig. Die Rekonstruktion beider Ebenen wird durch die von G. Rosenthal vorgeschlagene, der abduktiven Forschungslogik[16] folgende «hermeneutische Fallrekonstruktion» gewährleistet.[17] Diese Interpretationsmethode garantiert durch das rekonstruktive Vorgehen entlang der Konstruktionsregeln der lebensgeschichtlichen Erzählungen die Offenheit für die Besonderheiten des Einzelfalls und für die Entdeckung neuer Zu-

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HISTOIRE DES ALPES - STORIA DELLE ALPI - GESCHICHTE DER ALPEN 1998/3